
Auf der Kesselei, nicht weit vom Kehrwieder, wohnte ein armer Student (Schüler) mit seiner Mutter und seiner Schwester. Diesem erschien auf der Diele am hellen Mittage eine in aschgrau gekleidete Frau mit schwarzer „Plätjmütze" und weißem Bande daran. Die Frau forderte den Studenten auf, es doch so einzurichten, daß am folgenden Tage Mittags um zwölf Uhr seine Angehörigen nicht zu Hause seien, sie habe ihm etwas anzuvertrauen, das auch zu seinem Besten dienen sollte.
Im Umsehen war die Frau fort. — Das nahm sich der Student zu Herzen, ging früh' am anderen Morgen zu den Kapuzinern, berichtete und kommunizierte und sein Beichtvater sagte ihm, was er zu tun habe, wenn die Frau wieder käme. Mittags um zwölf Uhr erschien dem Studenten die Frau wieder und gab ihm einen Auftrag, den sonst keine Menschenseele weiter erfahren durfte. Die Frau hatte dem Studenten einen schweren Eid abgenommen, Zeit seines Lebens von dem Auftrag zu schweigen und ihn zuletzt noch aufgefordert, ihr seine Hand zur Bekräftigung des Schwurs zu reichen. Der Student aber war nicht umsonst bei seinem Beichtvater gewesen und reichte statt seiner Hand ein Taschentuch hin; kaum hatte die Frau das Tuch berührt, so loderte es in Flammen auf und — weg war die Frau.
Der Student vollzog getreulich den geheimen Auftrag und die Leute sagten, daß er zur Belohnung dafür in das Marienroder Kloster aufgenommen sei, das jedoch bald darauf aufgehoben wurde. Nachher ist der Mann noch lange Zeit Schulmeister in Dingelbe gewesen.
Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: flickr/littlenelly