
An einem heißen Sommernachmittag kam einmal ein frommer Pater, der für sein Kloster gute Menschen angesprochen hatte, mit seinem von milden Gaben schweren Sack an der Domschenke vorbei und wollte eben in den „Huckedal" hinabsteigen, als er dachte: Du hast heute das Deinige getan, heiß ist es, durstig bist du und der Wein erfreut des Menschen Herz, warum solltest du nicht einmal in der Domschenke einkehren? Gedacht, getan, der Pater trat in die kühle Schenke, und der Kellermeister beeilte sich, dem frommen Mann eine große Kanne Wein aus dem Fasse von „Anno Eins" vorzusetzen, dafür mußte er nichts zahlen. Nun hatte der leidige Teufel dem frommen Pater schon lange Eins am Zeuge flicken wollen, hatte ihn unter allerlei Gestalten in Dorf und Stadt versucht, aber vergebens, der kluge Pater hatte überall die Hörner und den Pferdefuß durchblicken sehen und war ihm immer gleich mit Gebet und Kreuzzeichen über die Kappe gefahren.
Schon wollte sich der ärgerliche Teufel an eine andere Seele machen, als er den frommen Bruder in die Domschenke treten sah. Halt, dachte er, durstig bist du, trinken wirst du, und ich will dir helfen, daß du voll wirst, nachher wisch ich dir noch leichter Eins aus. Schnell nahm der leidige Unhold eines Reiters Gestalt an und trat gestiefelt und gespornt in die Domschenke, grüßte den Pater ehrerbietig und setzte sich zu ihm an den Tisch. Der gute Pater erkannte den Erzfeind, dessen Kopf in einem großen Federhut und dessen Füße in ungeheuren Kurierstiefeln steckten, diesmal wirklich nicht, er lobte den Wein und der Reiter ließ sich auch eine Kanne bringen. Darauf erzählte der Reiter von seinen Kriegszeiten, und der Pater dachte nichts Arges, stieß mit dem fremden Herrn an und beiden wurde es beim Plaudern und Trinken wunderbar fröhlich und juchheilig ums Herz. Als eine Kanne leer war, brachte der Kellermeister eine zweite und dritte. Da sprach der Pater goldene Worte über die schöne Gottesgabe und meinte, solch ein Trank müsse doch selbst dem Bösen das Herz weich machen und zur Dankbarkeit gegen Gott wenden. „Ja, hast recht, Glatzkopf", seufzte der Teufel auf, „wenn ich noch länger trinke, so zerschmelzt mir dieser Wein meines Herzens eisernen Berg!" Dann schlug er vor dem zu Tode erschrockenen und sich bekreuzenden Pater den Deckel der Kanne zu, daß der Abdruck aller fünf Krallenfinger darin sitzen blieb, wischte sich über Augen und Schnauze und fuhr zum Fenster über der Tür hinaus, ohne wie sonst bei seinen Ausfahrten Stank oder Unflat zu hinterlassen. Auch konnte das zerbrochene Fenster wieder ausgebessert werden, woraus zu ersehen ist, daß der weinselige Teufel diesmal nicht im Bösen ausgefahren war.
Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim