
Ein Bauer tappte mit einem seiner Knechte bei stockfinsterer Nacht durch den Wald, um Vorspann zu holen, denn, er hatte sich bei der Holzabfuhr verspätet und sich mitten im Walde so fest gefahren, dass das Gespann den Wagen weder rückwärts, noch vorwärts bringen konnte. Der Bauer ward darüber fuchswild und fluchte und wetterte auf dem Wege, dass es einem Christenmenschen ein Gräuel zu hören war. Vergebens ermahnte der fromme Knecht seinen Herrn, mit den Fluch- und Lästerworten nicht so um sich zu werfen, der ärgerliche, tobichte Bauer fluchte und lästerte immer in die stille Nacht hinein. Noch hatten sie den Waldrand nicht erreicht, als mit einemmale alle Bäume im Sturmwinde brausten und knackten und der wilde Jäger mit seinem höllischen Heere dicht über die Wipfel hinfuhr, als ob er alles zerbrechen und zerkrachen wollte. Da schrie der vermessene, wütende Bauer zu dem Helljäger auf: „Du ohle Prahlhans un unnütte Herumdriwer, wenn du mehr kannst, as prahlen un krijailen, sau trecke meck meinen Wagen ut den Drecke!" (Du alter Prahlhans und unnützer Herumtreiber, wenn du mehr kannst, als rufen und schreien, so zieh' mir meinen Wagen aus dem Dreck.) Kaum hatte der Bauer zum Schrecken des Knechts die unbesonnenen Worte gesprochen, als hoch aus der Luft tausend und aber tausend Stimmen zurückriefen: „Da hefte 'ne! Da hefte 'ne!" (Da hast du ihn!) und mit Rauschen und Donnerkrachen fuhr der schwer beladene Holzwagen zusammt den Pferden aus der Luft und traf zerschmetternd den Bauer.
Der fromme Knecht blieb unverletzt, setzte, als er seinen tobten Herrn nicht unter dem Wagen hervorziehen konnte, laut betend und sich bekreuzend seinen Weg fort und machte das ganze Dorf wach. Vor Tagesanbruch wollte sich indes keiner ins Holz wagen. Als aber die Früh - und Betglocken die Luft gehörig gereinigt hatten, suchte man den Wagen auf und fand den ganz zerschmetterten Bauern darunter. Hoch oben über dem Wagen hingen in der Eiche die Pferde, welche beim Herabschlagen des Wagens sich mit ihrem Geschirr in den Zweigen verwickelt hatten und hängen geblieben waren. Mein Eltervater, der diese Geschichte meinem Vater oft erzählte, hat die Pferde mit eigenen Augen in der Eiche hängen sehen; der Eltervater war dazumal noch ein geringer Junge.
Ein andermal schoß ein naseweiser Jägerbursche eine volle Ladung Schrot zwischen die wilde Jagd. Da schrie es hoch aus der Luft zurück: „Gut edropen! Gut edropen, min Junge!" (Gut getroffen, mein Junge) und ein Hagel von Hirsch- und Pferdegerippen stürzte gerad' auf den Jägerbursche« herab, so daß er übel zugerichtet wurde und lange zu Bett liegen mußte. Der hat sein Lebtag nicht wieder zwischen die wilde Jagd geschossen.
Der wilde Jäger ist der König von allen Gespenstern, er gibt sich selbst nicht leicht mit einem Menschen ab, um ihn zu strafen, dazu ist er viel zu vornehm und hält sich seine Leute dazu. Leute hat er genug. Wenn er in sein Horn stößt, so antworten ihm die Eulen neun Meilen Wegs in der Runde, und dann muß sich alles, was den Hahnenschrei nicht ertragen kann um ihn versammeln. Kurz vorher, ehe die französischen Völker ins Land fielen, zog der wilde Jäger, der sonst nur viermal im Jahre jagt, jede Nacht mit einem so wütenden Lärm durch das ganze Stift, als ob hunderttausend Mann Fuß- und Pferdevolk durch die Luft rasselte. Da sagte mein Vater gleich, daß der Krieg vor der Tür stehe denn er wußte von meinem Eltervater, daß es der Helljäger vor dem siebenjährigen Kriege auch so gemacht hatte. — Auch über die Schlachtfelder fährt der wilde Jäger und - liest sich die gefallenen Soldaten auf, welche ein gottlos ' Leben geführt haben; davon hat er seine große Mannschaft an Fuß- und Pferdevolk. Auch böse Förster und Wilddiebe müssen nach ihrem Tode dem Helljäger dienen und mit ihm durch die Lüfte fahren.
Eine wunderbare Geschichte ist einmal mit dem wilden Jäger in der Ilse passiert. Ein Musikant aus Salzgitter war auf dem Uppner Passe am Glase hängen geblieben und hatte nicht gemerkt, daß seine Kameraden längst fort und nach Hildesheim gegangen waren. Auf einmal sieht sich der Musikant allein in der Wirtsstube, springt erschrocken auf, ruft den Wirt und bezahlt seine Zeche, um seinen Kameraden nachzueilen. Der „blaue Zwirn" spukte ihm aber dergestalt im Kopfe, daß er den entgegengesetzten Weg einschlug, auf Wendhausen zulief und in die Ilse geriet, welche damals noch ein dichter Hochwald war. Wie er nun zwischen den Bäumen herumirrte, wurde es ihm grausig, denn die Sonne war untergegangen und der „Heben" fing an zu dunkeln. Gottlob, daß ich einen Menschen finde, der mir den Weg zeigen kann, rief er endlich heilsfroh, als er einen Jäger mit zwei Hunden fand, der mit dem Rücken an einer Eiche lehnte. Guten Abend Vetter! fragte der Musikant, könnt ihr mir nicht den rechten Weg nach Hildesheim zeigen? — Der kürzeste Weg ist der beste, sprach der Jäger, nimm dein Klapphorn und spiele mir ein schönes Jägerstücklein auf, dann sollst du bald nach Hildesheim kommen! — Der Musikant nahm sein Horn und fing lustig an: „Was gleicht wohl auf Erden, dem Jägervergnügen!" und — im Hui! war er turmhoch in die Luft gehoben und flog dahin, daß ihm Hören und Sehen verging. Als er wieder zum Bewußtsein kam, stand er vor Hildesheim am Friesentore. Es war stockfinstere Nacht und nur ein dunkelroter Streif war zu erkennen, der sich hoch am Himmel quer über der Steingrube am Hochgericht hinzog. In dem glutroten Streif krimmelte und wimmelte es wunderlich durcheinander, aber erkennen konnte der Musikant nur den Jäger, den er in der Ilse gesehen. Der ritt dem ganzen Gewimmel voran wie ein turmhoher Riese auf feurigem Pferde, und seine beiden Hunde, so groß wie Ochsen, sprangen kliffend und klaffend vor ihm her.
Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: flickr/itta mar