
Der heilige Bernward saß in einem Turmgemache der von ihm erbauten Michaeliskirche und arbeitete in Metall und Elfenbein an den gottgefälligen Kunstwerken, welche jetzt noch ein Kleinod der Stadt sind. Eines Abends, als die scheidende Sonne ihre letzten Blicke durch die Fenster von Bernwards Werkstatt warf, saß der Gottesmann wieder in tiefem Sinnen am Arbeitstisch. Vor ihm lag fast vollendet das schöne Kreuz, welches noch heute im Dome aufbewahrt wird. Ein köstliches Heiligtum, ein dreifach zersplitterter Span vom Kreuze Christi, welchen der Kaiser Otto dem Lehrer geschenkt hatte, lag daneben, und es war Bernwards Sorge, wie er den Span in vier gleiche Teile zerlegen möchte, denn jeder Arm des Kreuzes sollte ein gleiches Stück der unschätzbaren Reliquie umschließen.
Unter diesem frommen Sinnen fiel der Heilige in einen tiefen Schlaf, aber im Traume erblickte er Wunderbares: Ein kleines Myrtenbäumchen, welches er den Winter über gepflegt hatte, sah er mächtig wachsen, tausendästig die Zweige ausbreiten und die herrlichsten Blüten entfalten:
Und einen Gärtner sah der Heilige am Fuße der riesengroß erwachsenen Myrte, der auf dem Grabscheit gestützt, sanft und sinnig vor sich hinschaute;
Plötzlich erschien in einer finstern Ecke des Gemachs ein anderer Mann, „versunkene Hoheit trauert in Furchen um die verzogenen Lippen" und finstere, böse Blicke schießen unter den hochgezogenen Brauen hervor. Blick und Hauch des Bösen trafen vernichtend den prangenden Myrtenbaum, die Blüten entfärbten sich, Laub und Zweige verschrumpften und bald standen die nackten Äste da. Auch diese fielen nach und nach von dem vernichtenden Hauche, bis endlich nur der tote Stamm dastand und die beiden einzig ihm bleibenden Äste rechts und links als dürre Arme von sich streckte. Und da hing, wie Bernward beklommenen Herzens genauer hinblickte, an dem dürren Holze blutend und sterbend der Gärtner. Engel knieten auf jeder Seite des Kreuzes und ihre Tränen gerannen zu Perlen.
Da erschüttert ein krachender Donner das Gebäude in seinen Grundfesten, entsetzt springt Bernward auf und umklammert hilfesuchend den Stamm des wunderbaren Kreuzes; aber der Stamm schwindet und läßt nur ein Stück der Rinde in seinen Händen zurück.
Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim; Verlag Wigand, 1854; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: bph