Henriks Welt

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Sagen >> Die gläserne Kutsche
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Brauchtum | >>Sagen<< | Hildesheim vor der Zerstörung

Es ist noch heutzutage kein Ort in der Stadt, wo es Nachts so still und grausig wäre, als bei der Pagelskirche (St. Pauli-Kirche); in früheren Zeiten ist das aber noch viel schlimmer gewesen, denn damals war dicht bei der Kirche, wo jetzt Götting's Garten ist, der Kirchhof, und dicht am Kirchhof hin, gerade dem Kapuzinerkloster gegenüber, musste man durch die enge, düstere Petersilienstraße. Was ist hier nicht Alles gesehen und gehört!

Das Schlimmste von Allem aber war die gläserne Kutsche, welche Nachts um die zwölfte Stunde aus dem Pfaffenstiege kam, vom Pfaffenstiege über den Bohlweg durch die Kreuzstraße und den alten Pulverturm rollte und endlich vor der Petersilienstraße anhielt. Da hat mancher Nachtwächter und manche Frau, die auf's Waschen ging, etwas gesehen, was sie in ihrem Leben nicht wieder sehen mochten. Aus der Kutsche stiegen nämlich ganz stumm und still mehrere Leute in altfränkischer Tracht und setzten auf die niedrige Kirchhofsmauer eine Mulde, in welcher ein blutendes Kind lag.

Ein Messer steckte dem Kinde aufrecht in der Brust. Im Umsehen stand auch ein Galgen da. Die stummen Leute ergriffen eine händeringende Frau, welche mit in der Kutsche gekommen war, und hingen sie an den Galgen, gerade über der Mulde, in welcher das Kind lag, auf. Sobald dies geschehen war, stiegen die Leute wieder ein, die Kutsche fuhr davon, und wie das Rollen der Räder in der Ferne nach und nach verhallte, so zerfloss auch der Galgen und verschwand von der Mauer die Mulde.

Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: BfZ-Hildesheim

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