
Auf dem Stadtwappen von Hildesheim steht ganz oben die Jungfer mit ihrem Kranz in der Hand. Die Sage hierzu lautet wie folgt:
Solang Hildesheim seinen Feinden standhielt trug die Jungfer den Kranz stolz auf dem Haupt, erst als die Stadt einmal eingenommen wurde, fiel er ihr in die Hand.
Nun heißt es, diese Jungfer gab es einst wirklich. Sie war ein wunderschönes Edelfräulein, das im Umland viele Fürsten und Grafen sich gerne zur Frau genommen hätten. Aber die schöne Jungfer hatte sich schon mit einem jungen, tugendhaften Ritter verlobt dessen Lehnsherr ebenfalls um das schöne Edelfräulein warb. Das hätte für den Ritter schlimm ausgehen können wenn sein Fürst davon erfahren hätte. Und so trafen sich die jungen Liebenden heimlich, tief im Hildesheimer Wald.
Eines Tages als sich die Jungfer wieder einmal in den Wald, zur großen Linde an der sie sich stets trafen, begab, brach ein tosendes, dunkles Unwetter los.
Völlig durchnässt und verängstigt kam sie an der Linde an, aber oh weh, da sah sie ihren Ritter tot liegen, ein Blitz hatte ihn erschlagen. Von Trauer umnachtet irrte sie durch den Wald, bis sie völlig entkräftet bei einem Rosenbusche in Ohnmacht sank. Da erschien ihr im Traum die heilige Mutter Gottes um sie zu trösten und ihr neue Kraft zu geben. Mit neuem Mut brach die Jungfer auf, jedoch wusste sie nicht mehr wo sie war, da rief sie: "Heilige Mutter bitte hilf, ich werde all mein Hab und Gut nur Gott geloben." Da rief die Heilige Mutter: "Kehr wieder, kehr wieder!" Die Jungfer folgte der Stimme bis sie immer deutlicher die Glocken der Stadt vernahm. Die Nacht brach schon herein als sie endlich wieder heil in der Stadt ankam, möglich dass sie gar einige Tage im Wald umherirrte.
Nach diesem Erlebnis beschenkte die Jungfer die Kirchen und Klöster reichlich, aber auch die Bürger ihrer Vaterstadt kamen nicht zu kurz. So bekamen diese ein kostenloses Nutzungsrecht für das Holz des Hildesheimer Waldes. Der Festungsturm welcher die Jungfer nach Hause lotste wurde Kehrwieder genannt, die Glocke jedoch geweiht und in die St.-Lamberti-Kirche gehängt. Es wurde verfügt, dass die Glocke zwischen Michaelis und Ostern jeden Abend zwischen 8 und 9 Uhr eine ganze Stunde zu schlagen hatte, um verirrten Wanderern den Weg zu weisen. Zu dem sollte dem Läuter jedes Jahr ein Schuh und ein Taler bezahlt werden.
Diese Bräuche wurden von dieser Zeit an stets gewahrt, bis Hildesheim 1806 von den Franzosen besetzt wurde. Die neuen Herren gaben wenig auf die alten Sitten und so kam es dass der Läuter nicht mehr bezahlt und die Glocke in der Lamberti-Kirche nicht mehr zur rechten Zeit geläutet wurde. Da hatten sie aber die Rechnung ohne die Hildesheimer Jungfer gemacht. Wer abends noch in der Gegend um die Lamberti-Kirche musste bekam es oft mit der Angst zu tun. Die Jungfer spuckte durch die Gemäuer und wenn der Läuter Brandhorst in den Turm ging um die Glocke aufzuziehen hagelte es für ihn Ohrfeigen ohne das er herausfinden konnte woher sie kamen.
Da hatte er bald keine Lust mehr und ging zum Kirchenvorsteher Wehrhahn um im sein Leid zu klagen. Da Wehrhahn ein echter Hildesheimer war, der viel auf die alten Bräuche hielt, setzte er sofort eine Schrift auf um dem Testament der Jungfer wieder gerecht zu werden. Sobald dies getan war herrschte wieder Ruhe und der Läuter Brandhorst freute sich über den Taler und den Schuh.
Auch der preußische Diebstahl der silbernen Glocke aus der Michaelis-Kirche brachte den Dieben kein Glück. Sie gossen Stiefelknechte aus ihr, die jedoch alle beim ersten Einsatz in der Schlacht um Jena verloren gingen.
Und so ist auch heute noch gewiss: die Jungfer hat ihre Vaterstadt noch immer recht lieb, und wenn einmal der Feind kommt und die Stadt beschießt, so stellt sich die Jungfer auf den Kehrwiederwall und fängt die Kugeln in ihrer Schürze auf. So hat sie es im Dreißigjährigen Kriege gemacht, sonst wäre weder Stumpf noch Stiel von der Stadt geblieben.