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Sagen >> Fliegenschnäpper darf man nicht stören
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Schwalben, Störche und Tauben sind Herrgottsvögel, die man nicht stören darf; besonders aber von Fliegenschnäpper-Nestern bleibe man weit weg. Ein böser Junge aus Sorsum "ging einmal Schulen" und suchte Vogelnester im Sorsumer Busch. Als er nun an die große Eiche kam, aus welcher sie nachher die Mühlenwelle für das große Rad auf der Sorsumer Mühle gemacht haben, sah er unter der Eiche einen steinalten Mann mit langem weißen Barte und einer langen, langen Zipfelmütze auf dem Kopfe. Der Mann hackte mit einer Rodehacke alles Buschwerk und Gesträuch, welches unter dem Baume stand, weg und brummte bei dieser Arbeit immer in den Bart: Knar narrar! Knar narrar!

Der Bauerjunge sah dem alten Manne, den er noch nie im Dorfe gesehen hatte, ganz verwundert und furchtsam zu; als sich der alte Mann aber gar nicht um ihn kümmerte, ward der Junge, der, wie alle bösen Buben, gern alte Leute verspottete, dreist und maulte dem Mann immer nach: Knar narrar! Knar narrar! Doch der Alte tat gar nichts, als ob der Junge da wäre und arbeitete mit der Rodehacke, daß ihm der Schweiß vom Gesicht lief. Nun wurde der Junge seines Spottens auch müde und wollte eben weiter gehen, als aus einem Loche in der Eiche ein Fliegenschnäpper aufflog.

Halt, dachte der Tierquäler, da sitzt ein Nest, und langte nach dem Loche hinauf; schon hatte er zwei von den Eierchen in der Hand, als der alte Vogel mit jämmerlichem Geschrei wieder heranflog, sich auf einen Zweig setzte und rief: kiek mal kiek, kiek mal kiek, kiek! kiek! kie k. Da brach auf einmal ein Sturmwind in der Eiche los, als ob sie zerbersten sollte. Erschrocken ließ der Junge die Eier wieder in das Nest fallen; aber er sollte sich noch mehr erschrecken, denn der alte Mann kam hinter dem Baume hervorgewischt mit feurigen Augen, sein Bart prasselte und die Rodehacke schleuderte er um den Kopf, wie eine Schlappschleuder.

„Schlage dich das Donnerwetter in Grund und Boden, du Satansbrut!" schrie der Mann und seine Stimme war wie ein Donnerkrachen. „Herr Jesu, steh mir bei!" rief der Junge und lief, was er konnte durch Dick und Dünn. Aber am Ohr fuhr es ihm weg wie ein Feuerstrahl; das war die Rodehacke, die der alte Mann dem Tierquäler nachwarf. —

Das Gewitter wollte kein Ende nehmen, der Junge kam ganz durchnäßt nach Hause und erzählte, was ihm im Busche begegnet war. Da nahmen seine älteren Brüder ihre Stöcke und gingen mit dem Jungen wieder nach der Stelle zurück, um den alten Mann durchzuprügeln. Sie sahen und hörten aber Niemanden unter der Eiche, auch war das Buschwerk ringsumher gar nicht ausgehackt; darum dachten sie, ihr Bruder habe sie belogen, und wollten ihn schon ohrfeigen, als sie von weitem Etwas im nassen Grase blinken sahen. Alle liefen darauf zu und fanden eine ganz goldene Rodehacke. — Doch das Gold hat den Leuten kein Glück gebracht; alles was sie anfingen, ging fehl und bald waren sie so arm wie die Kirchenmäuse.

Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 1; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: flickr/Vogelfoto69

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