
Wenn Kinder ihre Eltern geschlagen haben, so wachsen ihnen nach dem Tode die Hände aus den Gräbern. Drum sah man vor vielen Jahren, als der Lambertikirchhof noch ein Totenhof war, aus einem der dortigen Gräber eine Hand von einem dort begrabenen Manne hervorragen, der einst bei Lebzeiten seine Mutter geschlagen hatte. Der Magistrat befahl dem Scharfrichter, die tote Hand abzumähen, dies geschah, aber die Hand wuchs wieder; es geschah zum zweiten und dritten Male, doch die Hand wuchs immer wieder. Als das die noch lebende Mutter hörte, weinte sie bitterlich und bat im heißen Gebete Gott, daß er ihrem Sohne vergeben möge, sie habe ihm schon längst seine Unbesonnenheit verziehen.
Da sprach's zu der Frau im Traume, daß sie um Mitternacht auf den Kirchhof gehen und die tote Hand zum Zeichen ihrer Versöhnung erfassen solle. Aus Mutterliebe überwand die Frau ihre Furcht vor dem schrecklichen Gang, ging um Mitternacht an das Grab, erfaßte die Hand und sprach es laut aus, daß sie ihrem Sohne längst verziehen habe. Da fühlte sie einen warmen Druck, wie von einer lebendigen Hand, und dann war die Hand für immer verschwunden.
Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: flickr/jcoterhals