Henriks Welt

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Sagen >> Jungfer mit langem Bart
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Wer des Nachts nichts im letzten Rosenhagen zu tun hat, bleibe da weg, denn es hat dort an der Mauer schon mancher etwas gesehen, was er in seinem Leben nicht wieder sehen möchte. Nachts zwischen Zwölf und Eins geht dort eine Jungfer in ganz altfränkischer Tracht und mit einem langen, pechschwarzen Bart. Jeden, der ihr begegnet, hält sie an, stößt einen Seufzer aus, der Einem durch Mark und Bein geht, und spricht die dumpfen Worte: „Man lebt nur einmal in der Welt!" — dann aber fällt sie in ein Lachen, welches gräulicher klingt, als alles Heulen und Geschrei der ärgsten Verzweiflung.

Die Alten wollten wissen, daß dies Gespenst der Geist einer sehr schönen, aber unseligen Jungfrau sei, welche „ganz vor diesem" mit ihrer frommen, gottesfürchtigen Mutter im Rosenhagen lebte. So gottselig und fromm die Mutter dachte, so weltlich und leichtsinnig dachte die hübsche Tochter, ging Tag aus Tag ein mit jungen Gesellen zu Spiel und Tanz und machte ihrer alten Mutter nur Kummer und Sorgen. Wenn die fromme Frau der ungeratenen Tochter Vorwürfe machte, so hatte diese immer nur das eine Wort darauf: „Man lebt nur einmal in der Welt!" — Die Mutter war von Herzen betrübt und nahm, da keine ihrer Ermahnungen helfen wollte, ihren Beichtvater in Rat. Der sagte, sie sollte einmal neun Tage hinter einander die heilige Kümmerniß um Hilfe anrufen, die würde schon Rat schaffen. Das tat die Frau, aber die Tochter war die neun Tage über noch ausgelassener als je zuvor, so daß die alte Frau beinahe an der heiligen Kümmerniß verzweifelte. Doch nahm sie am letzten Tage, als die Tochter gerade wieder zum Tanz gegangen war, ihr Herz noch einmal recht zusammen und flehte zu der Heiligen, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen.

Die Mutter hatte ihr heißes Gebet noch nicht beendigt, als die Tochter singend und springend in die Stube stürmte. „Jesus, Maria und Joseph! " schrie die Mutter auf, „du gottloses Kind, nun bist du wieder auf einer Mummerei gewesen und schämst dich nicht einmal, mit einer schändlichen Larve und einem langen Kapuzinerbart durch die Straßen zu laufen!" — „Mutter, Sie ist wohl nicht recht klug", sagte die Tochter, „ich habe mich ja nicht vermummt und komme, wie ich gegangen bin, vom lustigen Tanz; man lebt nur einmal in der Welt!" „So sieh doch 'mal in den Spiegel, du Unband", rief die Mutter wieder und hielt der Tochter den Spiegel vor. Aber die tat einen Schrei, als sie ihr Gesicht in dem Spiegel sah, denn das war häßlich geworden wie die Nacht, und ein langer pechschwarzer Bart hing zottig an dem früher so glatten, hübschen Kinn. Da half kein Schreien und Jammern, kein Waschen und Rasieren, der Bart blieb ihr in dem häßlichen Gesichte, und die jungen Gesellen, welche sie früher so gern zum Tanz aufgezogen hatten, flohen jetzt vor ihr wie die Kinder vor dem Busemann. — Die heilige Kümmerniß, die ja selbst durch einen Bart vor Sünde und Schande bewahrt wurde, hatte die Sünderin, um sie auf andere Wege zu bringen, mit dem Barte beschenkt. Aber anstatt, daß diese ungeratene Tochter sich nun gebessert hätte, fiel sie aus Schmerz über den Verlust ihrer Schönheit in ein Wüten und Rasen und starb in Verzweiflung mit den lästerlichen Worten auf den Lippen: „Man lebt nur einmal in der Welt!" Jetzt bereut sie nun schon ein paar hundert Jahre diese Lästerung und hat es zu ihrem und aller Welt Schrecken erfahren müssen, daß man nicht einmal, sondern zweimal lebt. — Der Herr behüte uns in Gnaden.

Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: flickr/NJOPhoto

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