
Am Steine wohnte ein Bäcker, dessen Tochter täglich den Mönchen im Martini-Kloster das nötige Brot bringen mußte. Andere sagen, sie habe Gahre (Hefen), noch andere, sie habe Milch hingebracht. Kurz und gut, das Mädchen ging eines Tags ins Kloster und kam nicht wieder zurück. Im Kloster wurde nach dem Mädchen gefragt, aber es hieß, sie sei längst wieder weggegangen, auch alles andere Suchen und Nachfragen half nichts. Da dachte man, das Mädchen sei wohl in die Innerste gefallen und vergaß es nach und nach. — Einige Jahre waren schon seit dem Verschwinden des Mädchens vergangen, da begab es sich, daß am Vorabend eines großen Festes ein alter Mann in die Martini-Klosterkirche gegangen und dort eingeschlafen war.
Lange mochte er so in einem Beichtstuhl gesessen und geschlafen haben, als ihn ein Geräusch erweckte; die Zwölfe erdröhnte vom Turm und zugleich hörte er einen feierlichen Chorgesang. Die Kirche wird hell und aus der Tür, welche vom Klostergang in die Kirche führt, sieht er die Mönche in Prozession mit Lichtern einherschreiten; in ihrer Mitte führen sie ein weißgekleidetes Mädchen, welches ein Kind auf dem Arm trägt und jämmerlich um Erbarmen sieht. Die Mönche aber führen das Mädchen mit dem Kinde vor den Altar, heben dort einen beweglichen Leichenstein auf, stürzen das Mädchen samt dem Kinde in das offene Grab und verschließen dasselbe wieder mit dem schweren Steine. Darauf ziehen sie singend und in Prozession wieder in das Kloster zurück.
Der Mann hatte in größter Todesangst Alles unbemerkt gesehen. — Früh am andern Morgen als die Kirche geöffnet wurde und die ersten Beter kamen, schlich sich der Mann davon und zeigte den Gräuel dem Magistrate an. Der ließ das Kloster sofort mit Stadtsoldaten umstellen; aber die Mönche hatten Wind bekommen und waren über die Innerste entflohen, nur einer, welcher auf der Flucht ein Bein gebrochen hatte, fiel in die Hände der Gerechtigkeit. Von den übrigen hat man niemals weder etwas gehört noch gesehen.— Als man nun den von dem Zeugen bezeichneten Stein vor dem Altar aufhob, erkannte man in der Leiche, welche ein totes Kind im Arme hielt, die vor Jahren verschwundene Tochter des Bäckers. Das Kloster wurde aufgehoben.
Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: flickr/gmf-productions