
Im Sundern sahen „Holzgänger" einst eine viele Ellen lange Schlange im Sonnenschein liegen. Sie glitzerte und blitzte wie eitel Gold, als aber die Leute näher kamen, war sie weg wie der Blitz und auf dem Grase sah man nur einen langen Goldstreif, der nach und nach verschwand. Auch in Hamberge gab es früher große Schlangen, aber die Jäger hüteten sich, sie zu stören oder zu beschädigen, denn das brachte Unglück.
Ein vermessener Junge aus Hildesheim hieb einst im Ziegenberge eine Schlange mitten auseinander. Da wurden aus den beiden Stücken zwei Schlangen, welche grimmig auf den Jungen losfuhren. Er wehrte sich tapfer und hieb beide wiederum in Stücke, da wurden aus den Stücken vier Schlangen, und, als er auch diese zerhauen, wurden es acht und dann sechzehn. Nun ging dem Jungen die Kraft aus und ein ganzer Haufen von Schlangen stürzte über ihn her. Glücklicherweise kamen Holzgänger des Wegs und verscheuchten das Gewürm. Der Junge aber war so zugerichtet, daß er bald darauf verstarb.
In dem alten Steinbruch im Itzumerholze saß eine Schlange, die sich nur Nachts sehen ließ und weithin durch die Nacht leuchtete. Zeigte sie sich, so bedeutete das Unwetter, Hagelschlag, Feuersbrünste oder sonst ein Unglück. Kurz bevor wir westfälisch wurden, war's als ob das ganze Holz brenne, so leuchtete die Schlange. Seitdem hat man nichts wieder von ihr gehört und gesehen.
Eine Frau in Hildesheim hatte eine Schlange im Keller, die täglich ihre Milch bekam und ihr nicht für tausend Taler feil gewesen wäre. Diese Frau wußte alles vorher, was geschah, und in der Erntezeit gingen die Leute wohl zu ihr und nahmen sie wegen des Wetters in Rat. Oft stand die Frau bei hellem Sonnenschein vor der Tür und rief den Nachbarn zu: „Schließt die Fenster!" oder: „Bleibt hübsch zu Haus, es kommt ein starkes Gewitter!" Dummes Zeug, hatte dann wohl dieser oder jener gesagt, der Himmel ist ja ganz hell! — Nachher aber mußten sie erfahren, daß die Frau doch richtig vorhergesagt hatte, und manche wurden durch Schaden klug.
Im alten Gemäuer am Kehrwiederwall sitzt tief verborgen ein „Hünnigschlangennest"; glücklich wäre der, der es auffinden könnte, denn alles, was man hineinlegt, wird Gold.
Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: flickr/Adrián Afonso