
Ein Kanonikus in Hildesheim schickte einen Boten mit einem höchst wichtigen Briefe nach Göttingen. Der Bote, der ein guter Fußgänger war, machte den Weg dahin in einem Tage und kehrte schon des anderen Tag's wieder nach Hildesheim zurück. Diesmal übermannte ihn aber die Müdigkeit und er konnte nur bis zum „Bollaas" (bei Alfeld) kommen. Er begehrte Einlaß in das Wirtshaus, aber die Wirtin weigerte sich lange, endlich ließ sie sich überreden und schüttete dem Mann Streu in der Stube auf. Doch kaum hat der Mann seine müden Glieder zur Ruhe gestreckt, als er Lärm hört und drei wilde, baumlange Kerle in die Stube treten sieht. Nun ist es mit deinem Leben aus, denkt er, du bist in eine Mördergrube gefallen! Doch hält er sich ganz still, stellt sich schlafend und hofft, daß ihn die Räuber bei seiner augenscheinlichen Armut verschonen würden. Die wilden Kerle fragen auch die Wirtin drohend und hastig nach dem fremden Mann, die aber sagt, es wäre nur ein armer Teufel, der nach Hildesheim wolle und vor Müdigkeit fest eingeschlafen sei. Da beruhigten sich die wilden Gesellen, ließen sich von der Wirtin das Beste und Schönste auftragen und aßen und zechten voll und toll bis aus dem Dorfe die Zwölfe herüberdröhnte. Da sprang einer der Kerle auf und rief: „Nö is et aberst Teut!" (Nun ist's aber Zeit!) Sogleich erhoben sich auch die anderen, nahmen aus einem Wandschrank drei breite Riemen und jeder von ihnen schnallte sich einen solchen Riemen um den Leib.
Kaum hatten sie die Riemen umgeschnallt, so wurden sie rauh wie die Bären, fielen auf ihre Hände wie auf Vorderfüße und trabten auf allen Vieren zur Tür hinaus. Der Bote hatte halb tot vor Schreck alles gesehen, schwieg wohlweislich und machte sich mit dem ersten Morgengrauen davon.
Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: Douglas Brown/flickr