
Eine halbe Stunde von Hildesheim liegt das Dorf Ochtersum; da war es vor der „westfälischen Zeit" nicht richtig. Die Hildesheimer Bürger, welche oft noch spät mit einer Ladung Holz aus dem Wôle (dem Hildesheimer Walde) kamen, hielten sich gern dicht zusammen, wenn sie unten am Steinberge vor dem Dorfe waren; denn da war schon manchem etwas begegnet. Einmal kam auch ein Bürger bei Nacht aus dem Wôle, der war sehr vermessen und fuhr mit seinem Schiebkarren allen anderen „Holzgängern" voraus. Seine Frau aber, die einen roten wollenen Rock an hatte, war ihm entgegengegangen um ihm zu helfen; sie spannte sich vor den Schiebkarren und zog wacker, so daß ihr Mann nicht so schwer zu schieben hatte. Als die beiden Eheleute nun dicht bei Ochtersum waren, da wo die alten Weiden an dem Bache stehen, sprang auf einmal ein abscheuliches Getier hinter einer Weide hervor und packte die Frau in ihrem roten Rock. „Jesus, Maria und Joseph!", schrie die Frau. Da ließ das Getier die Frau los und wollte den Mann anfallen; dieser aber nahm sein Beil aus dem Gürtel und hieb dem Getier in die Vorderpfote. Da lief das Unding laut heulend davon; die erschrockenen Eheleute aber konnten deutlich sehen, wie es ins Dorf humpelte.
Im Dorfe fingen nun die Hunde so an zu bellen und zu heulen, daß man seit Menschengedenken nicht einen solchen Lärm gehört hatte. Den anderen Tag ging der Hildesheimer Bürger zu einem Kapuziner, der mehr als Brot essen konnte, und erzählte, wie es ihm und seiner Frau gestern vor Ochtersum ergangen sei. Da nahm dieser den Mann mit nach dem Dorfe und ging mit ihm in den Krug. Der Kapuziner fragte die Krügerin, wie es mit der Gesundheit stände und ob alles munter im Dorfe sei. — Da sagte sie: „ es ist so weit alles munter, aber meinem Manne ist vorige Nacht eine Sense in den Arm gefallen, deshalb liegt er oben im Bette." — „Nun, da müssen wir doch einmal sehen, was er macht", sagte der Kapuziner und ging mit dem Bürger auf die Kammer, wo der kranke Wirt lag. Der wollte aber seinen Arm nicht zeigen, wurde bitterböse und wies den beiden Leuten in seiner Wut die Zähne. — „Siehst du, da haben wir den Spitzbuben!" rief jetzt der Bürger, „da sitzt dem Bösewicht noch die rote Wolle, die er meiner Frau aus dem Rocke gerissen hat, zwischen den Zähnen!" — Nun wußte man, daß der Krüger ein Werwolf war und schlug ihn tot.
Quelle: Karl Seifart; Sagen, Märchen, Schwänke und Gebräuche aus Stadt und Stift Hildesheim: Gesammelt u. mit Anmerkungen versehen, Band 2; Verlag Wigand, 1860; mit kleinen Änderungen zur besseren Lesbarkeit seitens der BfZ-Hildesheim; Bildquelle: flickr/AlicePopkorn